Mehr Photovoltaik, Wärmepumpen und E-Autos verändern das Stromnetz in der Region Celle. Damit zu Hause alles zuverlässig läuft, baut der Netzbetreiber der SVO-Gruppe Leitungen und Trafostationen aus und macht das Netz gleichzeitig intelligenter.
Baustelle Zukunft in Nienhagen
Ein Donnerstagmorgen Anfang Mai, 9 Grad, Nieselregen. In der Wiesenstraße in Nienhagen steht ein blauer Autokran, der seinen Ausleger in den grauen Himmel schiebt. Ein Trupp Menschen in Warnwesten, Sicherheitsschuhen und Helmen schaut nach oben. Denn dort hängt er in der Luft: ein gelb-grauer Kasten, groß wie ein Gartenhäuschen, 15 Tonnen schwer. Was von außen wie ein unscheinbares Häuschen aussieht, ist in Wahrheit ein wichtiger Baustein der Energiewende.
Immer mehr Menschen erzeugen Strom mit Photovoltaik auf ihren Dächern, laden E-Autos zu Hause oder heizen mit Wärmepumpen. All das verändert die Anforderungen an das Stromnetz – direkt in den Wohngebieten rund um Celle. „Wenn wir das Netz nicht ausbauen, stoßen wir irgendwann an Grenzen", sagt Helke Weber, Projektleiterin bei der Celle-Uelzen Netz GmbH (CUN).
Warum Netzausbau in Celle jetzt notwendig wird
Was früher einfach schien, ist heute deutlich komplexer. Früher floss Strom vor allem in eine Richtung – vom Kraftwerk über die Netze bis ins Haus. Heute kommt Strom auch zurück: von Solardächern, aus Batteriespeichern, aus ganzen Quartieren, die selbst Energie erzeugen. Gleichzeitig kommen neue Verbraucher dazu: Wärmepumpen, Wallboxen, E-Autos.
„Eine Trafostation ist heute ein Knotenpunkt für Strom in beide Richtungen", erklärt Robert Strade, Leiter Netzdigitalisierung bei der CUN. Genau dort, wo Menschen ihre PV-Anlage, Wallbox oder Wärmepumpe anschließen, muss das Netz besonders aufmerksam sein.
Die CUN betreibt Tausende Kilometer Mittel- und Niederspannungsleitungen und bringt darüber Strom zu fast 150.000 Letztverbrauchern. In den höheren Spannungsebenen konnten Netzbetreiber schon lange messen, überwachen und schalten. In der Niederspannung war das bisher weniger transparent. Genau das ändert sich jetzt.
Eine 15-Tonnen-Trafostation kommt per Kran
Zurück nach Nienhagen. Michael Lange zieht am Trafohäuschen, lenkt das in der Luft leicht wirkende Gebäude in die richtige Position und misst mit seinem weißen Zollstock den Abstand zum Rand der Grube. Lange unterstützt CUN-Projektleiterin Helke Weber als Ansprechpartner vor Ort. Er macht kleine Kreisbewegungen mit dem Zeigefinger – das Zeichen an den Kranfahrer, die Trafostation abzusetzen. Sekunden später setzt der Kasten sanft auf. „Das passt", ruft Lange und klappt den Zollstock ein. Vorarbeiter Edward Niemczynski vom Tiefbauunternehmen Hoth, das Fundament und Anschluss verantwortet, nickt zufrieden: „Hier ist alles perfekt gelaufen. Wir arbeiten ja schon seit vielen Jahren an Baustellen wie diesen mit der CUN zusammen."
Die neue Station macht die Straßenzüge der Umgebung fit für die Energiewende. Das alte Haus hatte eine Nennleistung von 250 Kilovoltampere (kVA), der neue Kasten das Vierfache: 1.000 kVA. Dazu wurden rund 400 Meter neue Kabel verlegt, Gesamtkosten allein hier in der Wiesenstraße: etwa 400.000 Euro. Was überdimensioniert klingt, wird künftig Standard. Denn heute sind hier erst vereinzelt PV-Anlagen und E-Autos zu sehen. Die Infrastruktur muss aber schon jetzt bereit sein für das, was in den nächsten Jahren entsteht. „Wenn die Infrastruktur nicht stimmt, können wir den Kundinnen und Kunden nicht erlauben, Strom aus der PV-Anlage ins Netz einzuspeisen. Auch deswegen ist dieser Ausbau so wichtig", sagt Helke Weber.
Mehrere Dutzend solcher Trafostationen installiert die SVO-Gruppe pro Jahr. In den kommenden 20 bis 30 Jahren wird sie schätzungsweise rund 500 Millionen Euro in den Um- und Ausbau der Netzinfrastruktur stecken – in Leitungen, Anlagenstandorte, Trafostationen, digitale Technik und Messsysteme.
Blick ins Innere: Was eine Trafostation leistet
Trafostationen verbinden Mittel- und Niederspannung. Sie sorgen dafür, dass Strom aus dem Netz ins Haus kommt – und dass Solarstrom aus dem Quartier zurückfließen kann. Trafostationen werden damit zu Schaltstellen der Energiewende – direkt in der Nachbarschaft.
Drei Bereiche arbeiten dabei zusammen:
Der Niederspannungsschaltraum verteilt den Strom in Straßen und Häuser und nimmt Einspeisung von PV-Anlagen auf.
Der Transformator wandelt Mittelspannung in haushaltsübliche Spannung um: aus rund 20.000 Volt werden 230/400 Volt.
Der Mittelspannungsschaltraum schaltet, sichert ab und überwacht – moderne Stationen werden hier zunehmend digital eingebunden.
Wie das Stromnetz intelligenter wird
Netzausbau bedeutet nicht nur dickere Kabel. Im Netzgebiet der CUN werden mehr als 2.000 Ortsnetzstationen schrittweise ersetzt, leistungsfähiger gemacht oder digital angebunden. Ziel ist ein intelligentes Netz, das Lasten und Einspeisung früher erkennt und gezielt reagieren kann.
Strade beschreibt es so: „Es geht nicht um ‚an' oder ‚aus', sondern um zeitweises Reduzieren, wenn sonst eine Überlast droht." Eine Wallbox lädt dann für begrenzte Zeit mit weniger Leistung – das Auto lädt langsamer, aber das Netz bleibt stabil. Solche Eingriffe sind streng geregelt und nur für Ausnahmesituationen gedacht.
Parallel dazu installiert die CUN jährlich rund 5.000 intelligente Messsysteme bei ihren Kundinnen und Kunden. Sie schaffen Transparenz, ermöglichen dynamische Tarife und bilden die Datenbasis für eine vorausschauende Netzsteuerung. Die Netzleitstelle überwacht das Mittelspannungsnetz rund um die Uhr – und gewinnt durch die Digitalisierung der Stationen zunehmend auch Sicht in die Niederspannung.
Versorgungssicherheit im laufenden Betrieb
Netzbetrieb ist kritische Infrastruktur. „Wir können kein Wohngebiet wochenlang vom Strom nehmen und sagen: Bitte warten, wir bauen gerade um. Der Strom muss weiter fließen", sagt Strade. Deshalb finden Baumaßnahmen wie in Nienhagen immer im laufenden Betrieb statt. Anwohnende werden frühzeitig informiert, Abschaltungen auf ein Minimum begrenzt. Beim Anschluss der neuen Trafostation wird der Strom für höchstens eine Stunde unterbrochen. Viele merken es kaum.
Wo immer möglich, nutzt die SVO Synergien: Wird eine Straße wegen Wasserleitungen ohnehin geöffnet, wird der Netzausbau mitgeplant. In Nienhagen wurden Wasserleitungen, Gehweg und Trafostation gemeinsam erneuert. Unter der Straße liegt jetzt ein Stück Zukunft des Stromnetzes, während der Verkehr bald wieder vorbeifließt, als wäre nichts gewesen.
Was der Netzausbau für Sie bedeutet
Am Ende geht es um eine einfache Frage: Was haben die Menschen in der Region davon? Sie können PV-Strom ins Netz einspeisen, Wärmepumpen installieren und E-Autos laden – weil Leitungen und Stationen dafür vorbereitet sind. Und sie profitieren von einem Netz, das nicht nur stärker, sondern auch digitaler wird: mit intelligenten Messsystemen, dynamischen Tarifen und einer Steuerung, die Engpässe erkennt, bevor sie entstehen.
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